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Im Gespräch mit Architekt Christopher Hammerschmidt

Nachhaltigkeit und Architektur

Stehen Nachhaltigkeit und Ästhetik in der Architektur im Widerspruch oder ist beides miteinander vereinbar?
Die Ansätze von Nachhaltigkeit und Ästhetik sind in der Architektur seit jeher eng miteinander verknüpft. Ästhetisch anspruchsvolle und flexible Häuser haben zumeist eine lange Lebensdauer und sind somit auch nachhaltig. Über die Jahre hat sich zudem ein fortschrittliches Verständnis darüber entwickelt, was nachhaltig ist. So ist ein heutiger Aspekt von Nachhaltigkeit, eine lebenswerte Umwelt für alle zu schaffen. Eine ästhetische Bauweise unterstützt dieses Unterfangen. 


Vor welchen neuen Herausforderungen stehen Architekten, um beiden Bereichen gerecht zu werden?
Die Herausforderungen bei der Planung von neuen Gebäuden haben sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt. Es hat sich gezeigt, dass wir ein anderes Verständnis darüber entwickeln müssen, welche Materialien wir verbauen können und wie langlebig diese sind. Falls es sich um kurzlebige Baustoffe handelt, müssen wir von Anfang an die Dauer der möglichen Verwendung als auch die Weiterverwendung oder Entsorgung klären. Generell kann man sagen, dass derzeit die Erkenntnisse der Materialwissenschaft ein wichtiges Element bei unseren Planungen darstellt. Das Berücksichtigen von Themen wie Haltbarkeit und Wiederverwendbarkeit sind inzwischen zwar selbstverständlich, aber dennoch relativ neu. Und es verhält sich an vielen Stellen sehr konträr zu der Art und Weise, wie wir unseren technischen Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten gelebt haben. So wurden über viele Jahre Komposit-Werkstoffe verwendet, die zwar gut funktionieren, aber ein Riesenproblem beim Recycling darstellen. Um diese, wo möglich, zu ersetzen, ist ein neues Verständnis von Konstruktion und von Materialien nötig, was wir uns alle gemeinsam erarbeiten müssen. 

Bildcredits: Benjamin Schenk
Christopher Hammerschmidt
Geschäftsführender Gesellschafter Dietz Joppien Hammerschmidt GmbH

Das bedeutet sicherlich häufig einen Spagat zwischen Materialauswahl und steigenden Baukosten machen zu müssen?
Materialien sind ein kostbares Gut geworden. Wir stehen beispielsweise immer wieder vor der Frage wo und in welchem Umfang wir Baustoffe wie Stahl und Beton verwenden. Ein intelligentes Engineering kann hier Antworten finden und dafür sorgen, dass deutliche Materialeinsparungen vorgenommen werden können und somit sowohl kostenoptimiert als auch nachhaltig gebaut werden kann. 
Es lohnt sich, einen genauen Blick auf die Ansprüche an die verschiedenen Räume zu werfen. Dazu gehört, dass der Nutzer festlegt, wie warm oder kalt es in den Räumlichkeiten werden darf. Es kann etwa deutlich nachhaltiger und kostengünstiger gebaut werden, wenn nicht eine Raumtemperatur von 26 Grad an jedem Tag im Jahr garantiert werden muss- was zum Beispiel bei Büroräumen der Fall ist.


Wie gelingt es Ihnen, dies bei Ihren eigenen Projektentwicklungen umzusetzen?
Bei unserem Projekt „Matchbox“, das noch in diesem Jahr in Eschborn fertiggestellt wird, haben wir uns beispielsweise die Maxime gesetzt, so wenig Materialien wie möglich zu verbauen. So haben wir unter anderem die Decken weggelassen und geben den Räumen damit eine loftartige Atmosphäre. Summa summarum ist diese Entscheidung sowohl ästhetisch als auch nachhaltig und kostensparend. 
 

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Matchbox in Eschborn

Auch die Photovoltaikfassade erfüllt im Projekt „Matchbox“ diese Gesichtspunkte. Wie kam es zu der Entscheidung?
Gemeinsam mit den Bauherren haben wir über 30 Varianten erarbeitet, geprüft und erwogen. Entschieden haben wir uns dann für die Variante, die am einfachsten umzusetzen ist. Die Fassade besteht über einen großzügigen Fensterflächenanteil, der einen schönen Ausblick ermöglicht. Auf den Flächen vor den Decken und vor den Stützen haben wir, wie auch auf dem Dach, Photovoltaikanlagen integriert. Dadurch haben wir ein klimapositives Gebäude geschaffen, in dem unter anderem die hauseigenen Wärmepumpen eigenständig betrieben werden können. Diese sorgen für die Grundkühlung des Hauses. Außerdem besteht nach wie vor die Möglichkeit eigenhändig die Fenster zu öffnen. Bei dem Einsatz von Automatik und Sensorik muss mir immer auch bewusst sein, dass ich diese spätestens nach zehn Jahren austauschen muss. Ein Fenstergriff bleibt hingegen immer ein Fenstergriff.


Achten Sie bei einem Neubauprojekt auch drauf, dass sich das Gebäude harmonisch in die Umgebung eingliedert?
Unbedingt. Der klassische Ansatz ist hierbei vom Großen ins Kleine, bei dem man im Vorfeld den Ort und den Stadtraum an der Stelle sehr intensiv untersucht. Wie auch beim Projekt „Matchbox“ geschehen, erstellen wir zudem immer eine Vielzahl unterschiedliche Varianten für den entstehenden Baukörper. Dadurch bekommt man eine Auswahl, die es einem ermöglicht, genau zu prüfen, welche Variante passt und welche nicht. Die finale Entscheidung wird somit nicht aus dem Bauch heraus getroffen, sondern gibt einem eine große Sicherheit, das Richtige zu tun. 
 

Bildcredits: D J H / bloomimages
Matchbox in Eschborn

Wie würden Sie das architektonische Städtebild der Zukunft zeichnen?
Mit einem optimistischen Blick in die Zukunft würde ich sagen, dass unsere Städte auf jeden Fall erheblich grüner werden. Zum Teil ist dies schon jetzt zu beobachten. Der Aspekt der Gebäudebegrünung findet einen immer größeren Anklang. In den Straßen werden künftig immer mehr Bäume angepflanzt werden, weil viele Stadtplaner realisiert haben, dass sich durch eine Begrünung die Hitze reduzieren lässt und gleichzeitig lebenswertere Räume geschaffen werden. Auch die Verkehrswende wird ihren Beitrag leisten, so dass die Menschen in den Innenstädten wieder mehr Raum zum Leben bekommen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ich würde mir wünschen, dass man die Transformation als Chance begreift und nicht nur mit Verärgerung auf notwendige Veränderungen schaut. 
 

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Ouartier Ostallee in Trier

Auf der Website von DJH werden Sie zitiert mit den Worten „Gute Gebäude sind meist der optimierte Ausdruck ihrer Funktion. Besonders gute Gebäude schaffen es, mehr zu sein und uns zu inspirieren.“ Können Sie das Gesagte noch konkretisieren?
Ich finde es erstrebenswert Häuser zu entwickeln, die einen Mehrwert bieten, der nicht nur wissenschaftlich oder technisch erklärbar ist. Wenn ein Gebäude sowohl dem Nutzer im Inneren als auch dem Betrachter von außen etwas gibt, wo er sagt, da erfreue ich mich daran, dann ist das ein solcher Mehrwert und wir haben eine Grundaufgabe der Architektur erfüllt. Aktuell sanieren wir ein Hochhaus in der Kasseler Innenstadt, bei dem wir aus einer bestenfalls als neutral zu bezeichnenden Fassade etwas Positives machen möchten. Die neue robuste, intelligente und nachhaltige Gebäudehülle soll durch ihre gefaltete Form eine Installationsfläche bieten. Je nach Sonnenstand wird das Spiel aus Licht und Schatten eine besondere Lichtstimmung erzeugen, welche die Menschen im Vorbeigehen hoffentlich beglückt und inspiriert. 
Ein weiteres Projekt ist das Stadtquartier an der Ostallee in Trier. Neben Büroflächen für die beiden Investoren mit ca. 400 Arbeitsplätzen sollen zwischen 200 und 250 Wohnungen entstehen. Dabei liegt der Fokus auf einer nachhaltigen Bauweise und einer klimaneutralen Energieversorgung. Im Zuge dessen soll ein Holzhybrid-Gebäude entstehen, das wir in dieser Intensität und Größe noch nie gebaut haben. Von daher ist das für uns ein architektonischer Meilenstein, der zugleich eine eigene Ästhetik bietet. 

 

www.djh-architekten.de 

 

(Der Artikel erschien 2023 in der IN.PUNCTO-Ausgabe No. 26)

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